Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Alles zur Technik der 1100er & 850er Boxermodelle.
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jensm002
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Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Beitrag von jensm002 » Mo 16. Apr 2018, 23:21

Hallo zusammen,
vielleicht könnt ihr mir weiterhelfen.
Ich habe heute mit meinem Moped (R1100 RS, Bj. 96, 45tkm) ziemlich lange im Stau gestanden, woraufhin das Öl recht heiß wurde.
Die Anzeige war gerade noch unterm roten Bereich.
Im 'normalen' Verkehrsfluss fing der linke Zylinder an, deutlich zu 'tickern'. Das kenne ich und habe dem bislang keine große Bedeutung beigemessen, ein Boxer muss ja auch ein paar Geräusche machen dürfen.
Als ich heute dann aber im dritten Gang aus dem untertourigen Bereich beschleunigt habe, kam ein mächtiges Klappern / Schlagen aus dem linken
Zylinder. Das war mir neu und hat mich (im negativen Sinne) mächtig beeindruckt. Das ist dann noch ein- zwei Mal kurz passiert, bis es endlich (verkehrsmäßig) normal weiterging.
Daraufhin ist das Öl wieder abgekühlt und alles war wieder wie immer - keinerlei ungewöhnliche Geräusche oder ähnliches.
Mein Schrauber und ich haben heute recherhiert und festgestellt, dass von vielen Werkstatthandbüchern 10W40 empfohlen wird.
Das ist auch drin, allerdings habe ich bereits davon gelesen, dass die R1100 lieber 20W50 bevorzugt. Das ist jetzt der Plan, wird demnächst umgesetzt.
Die Ventile etc. sind gerade frisch eingestellt, ansonsten läuft sie richtig super. Das war das erste Mal, dass ich bedenkliche Geräsuche aus dem Motor gehört habe - deshalb bin ich nun ein wenig verunsichert.

Hier meine Fragen:

- kann sich jemand erklären, woher die Geräusche stammten, bzw. hat jemand Erfahrung mit dem Phänomen?
- wie wahrscheinlich ist es, dass irgendetwas defekt ist oder aber heute ein Schaden entstanden sein könnte?
- kündigt sich ein Kolbenfresser bei der R irgendwie an oder ist das ein ganz anderes Thema?

Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wenn sowas wie ein Kolbenfresser mal unvorhergesehen während der Fahrt passiert.

Ich bin zwar nicht völlig unbedarft, allerdings aber auch kein Schrauber. Ich habe das Moped jetzt seit gut einem Jahr, habe aber vor einigen Jahren bereits eine R1100RS gefahren.

Vielen Dank schon mal für eure Hilfe

Grüße aus dem Norden

Jens

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Larsi
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Re: Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Beitrag von Larsi » Di 17. Apr 2018, 03:49

20W-50 ist die deutlich bessere Wahl.
Probiere das erst mal aus. Wenn die Geräusche dann weg sind sollte alles ok sein.

Bei deiner Beschreibung (Motor heiß, niedrige Drehzahl, Gas geben) kommt mir noch in den Sinn, dass dein Motor klingeln könnte. Wenn das der Fall ist, hast du wahrscheinlich Ablagerungen im Brennraum. Die bekommt man halbwegs weg, indem man mal Super Plus tankt und dann die Q zügig über die Autobahn scheucht. Das dürfen gern 100km mit 160+km/h sein.
Gruß Lars
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Vier Zylinder sind zwei Motorräder oder ein halbes Auto!

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gerd_
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Re: Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Beitrag von gerd_ » Di 17. Apr 2018, 07:52

Hi
http://www.powerboxer.de/motor/315-4v0-typ
Zudem ist die baubedingte Eigenheit beim Boxer, dass der gesamte Ventiltrieb quasi frei liegt und Geräusche nur durch dünne Aluminiumdeckelchen gedämpft werden.
Die Angabe von 10W40 hält sich hartnäckig und ebenso einfach ist sie zu erklären.
Ein Auto wird im gesamten Jahr benutzt, es soll sowohl bei minus 15 wie auch bei plus 40 Grad funktionieren, es ist im Normalfall wassergekühlt und üblicher Weise befindet sich 10W40 im Motor.
Also ist es praktisch wenn die Werkstatt auch für den luftgekühlten Boxer das gleiche Öl verwenden kann weil man dann nicht unterschiedlich bevorraten muss und auch der Dümmste nicht aus Versehen das falsche Öl reinkippt.
Doch:
Ein Boxer wird in den allermeisten Fällen bei Temperaturen unter Null Grad gar nicht mehr gefahren. Dafür übernimmt das Öl die Kühlung der Zylinderköpfe und wird somit thermisch höher belastet. Auch bei der LC sind nur die Köpfe wasssergekühlt.
Bei warmen Aussentemperaturen kommt das 10W40 an seine Grenzen. Der Gau ist, wenn man nach "zügiger" Fahrt auf einen Stau aufläuft.
Der heisse Block schreit nach Kühlung aber der Fahrtwind fehlt. Das heisse, sehr dünnflüssige Öl wird quasi drucklos (Motor ist im Leerlauf) zu den Schmierstellen befördert, die Dämpfung (nicht unbedingt die Schmierung) durch dickflüssiges Öl fehlt und so scheppern die Teile des Ventiltriebs "gut hörbar" aufeinander.
Das möchten die Vereinheitlichungsfüchse von BMW nicht hören weil es nicht in's Konzept passt.

SuperPlus auch deshalb, weil der 1100 Motor zu einer Zeit konstruiert wurde in der das damalige "Super" noch eine andere Zusammensetzung hatte als das aktuelle.
gerd
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skoss
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Re: Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Beitrag von skoss » Di 17. Apr 2018, 07:55

Hallo Jens,

das könnte von der linken Steuerkette kommen. Ich könnte mir vorstellen, dass aufgrund des heissen und dadurch sehr dünnflüssigen Öls dieses aus dem linken Kettenspanner auslaufen kann (aufgrund seiner hängenden Konstruktion) und dort deshalb kein genügender Öldruck mehr aufgebaut werden kann, um die Steuerkette genügend zu spannen, so wie dies auch bei kaltem Motor kurz nach dem ersten Start der Fall ist.

Verstärkt wird das möglicherweise durch sub-optimales Öl. Im BMW-Wartungsheft "Service & Technik" meiner R1100RT stehen folgende Empfehlungen:
  • SAE 20W50: von -10°C bis unbegrenzt
  • SAE 15W40: von -15 bis +30°C
  • SAE 10W40: von -20 bis +20°C
Ich habe deshalb ganzjährig SAE 20W50 eingefüllt. Auch wenn ich den Winter durchfahre, bin ich nicht sehr häufig bei Temperaturen unter -10°C unterwegs - diesen WInter waren das nur 2 Mal bei bis zu -14°C. Temperaturen über +30°C kommen schon häufiger vor - und dann meist auch über längere Zeit als bei tiefen Temperaturen. Und wenn der Motor im Stau/Stand läuft, spielt die Umgebungstemperatur eine eher untergeordnete Rolle.

Deine RS hat vermutlich noch den orignalen linken Kettenspanner. Etwas Abhilfe kann man erreichen durch den Tausch des linken Kettenspanners durch den Spanner der R1200er-Modelle. Siehe hier.

Ich habe meinen R1100RT zusätzlich den Behördenlüfter gegönnt, den ich manuell über einen Schalter einschalten kann, um so im Stand bei hohen Temperaturen durch Zwangsdurchströmung des Ölkühlers für zusätzliche Kühlung zu sorgen.

Edit: Gerd war etwas schneller
Viele Grüsse aus dem Wallis
Stefan

jensm002
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Re: Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Beitrag von jensm002 » Di 17. Apr 2018, 10:36

Guten Morgen zusammen,

vielen Dank für die ausführlichen Antworten und Erklärungen!

Im Ergebnis klang es tatsächlich wie 'mächtiges Klingeln'. Es hörte sich nur so an, als ob größere Bauteile, wie zB der Kolben o.ä.
beteiligt gewesen wären.
Wenn ich das alles richtig deute, ist ein Motorschaden bei der Aktion gestern ja eher unwahrscheinlich!?
Ich hatte nämlich schon Bedenken, dass die Schmierung zeitweise nicht mehr vorhanden war und irgendwann mal aufgrund solcher
Vorkommnisse ein Kolbenfresser oder so droht....
Aber so warm war es auch nicht, waren mal gerade 20 Grad und ich bin zwar vorher auf der Autobahn gewesen, aber eher bei mäßiger Fahrt.
Und bei mangelhaftem Öldruck hätte ja auch die Öllampe kommen müssen, denke ich.

War mir aber trotzdem eine Lehre. Jetzt kommt erstmal 20W50 rein und nur noch Super Plus (habe ich meist ohnehin getankt).


Noch was zum Thema Behördenkräder oder 'as times goes by...'

Ich war dienstlich mal bei ner Einheit mit Krädern, ist aber schon einige Jahre her. Da waren das noch K75....:-)
Waren schöne Zeiten, die Dinger sind ja echt unverüstlich. Besonderes Gimmick: Die Sondersignalanlage.
Zwei 12V-Funzeln mit Reflektor vorne, Leuchtkraft: Teelicht. Das Martins(hupen)horn drehzahlabhängig.
War in der Stadt bei einer Fahrt mit Sonderrechten beim Herunterschalten vor einer Kreuzung ein echter Lacher....:-)

Aber sie waren echt tapfer, die guten alten K75.....

Heute werden dort R1150 RT gefahren, echt ne andere Welt mittlerweile. In der Stadt für die Aufgabe aber schon ziemlich mächtig.
Leider hatte ich noch nicht das Vergnügen, das mal wieder selbst zu testen.

Danke nochmal für die Infos!

Grüße aus den Norden

Jens

der niederrheiner
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Re: Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Beitrag von der niederrheiner » Mi 18. Apr 2018, 21:34

Das Klappern kenn' ich. Macht in so'ner Situation die R1100S, als auch die R1150ADV. Es ist aber faszinierend zu merken, wie zum einen die Temperatur ruckzuck runter geht, sobald wieder Fahrtwind aufkommt. Zum anderen eben die Geräusche auch wieder verschwinden. Das heisst das Spiel der Bauteile werden wieder enger. Alles normalisiert sich. Nix passiert.

Einen höheren Ölverbrauch habe ich dabei nicht feststellen können.


Stephan

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gerd_
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Re: Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Beitrag von gerd_ » Do 19. Apr 2018, 09:04

Hi
Ich glaube nicht, dass das Bauteilspiel wegen ein bisschen Fahrtwind kleiner wird.
Zum Einen weil das Spiel ums so kleiner ist je heisser die Teile sind (die dehnen sich ja) und z.B. das Ventilspiel, kalt eingestellt, braucht man je nur damit sich die die Ventile dehnen können aber noch immer schliessen. Im wärmsten Betriebszustand haben die Ventile "null" Spiel".
Zum Anderen weil die Ölpumpe bedeutend mehr Öl durchjagt und dadurch der Ölfilm dicker/stabiler wird.
gerd
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Re: Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Beitrag von der niederrheiner » Fr 20. Apr 2018, 22:05

Was soll da sonst durch erhöhte Temperatur lauter werden und beim Abkühlen wieder kleiner?

Einer mit Trömelchen im Motor?


Stephan

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g-b
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Re: Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Beitrag von g-b » Sa 21. Apr 2018, 08:21

HAllo Gerd,

ich kann dir bis auf das Thema Öl zustimmen.

Hier ist nämlich der Hase im Pfeffer versteckt.
Das immer dünner werdende Öl ist die Ursache der Geräusche.
Nicht nur weil es viel zu Viscos wird (deswegen auch kein 0W verwenden) sondern auch nicht mehr so die Geräusche dämmt.
Es fließt viel schneller ab.
Stellt euch einfach vor da wäre zähes Öl im Zylinderkopf (nur als Extrembeispiel). Das würde sämtliche Geräusche "abschwächen".
Viele Grüße
Gerhard
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gerd_
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Re: Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Beitrag von gerd_ » Sa 21. Apr 2018, 09:17

Hi
[/quote]
g-b hat geschrieben:
Sa 21. Apr 2018, 08:21
Das immer dünner werdende Öl ist die Ursache der Geräusche.
Das sage ich ja. Allerdings deshalb weil die "Schläge mechanisch nicht mehr gedämpft werden.
Anschaulich: Legt man einen dünnen Gummi (neee, nicht so einen)~"zähes Öl" auf einen Amboss und haut mit dem Hammer drauf, so wird der Schlag gedämpft. Haut man direkt drauf dann "klingt" es.
g-b hat geschrieben:
Sa 21. Apr 2018, 08:21
Nicht nur weil es viel zu Viscos wird (deswegen auch kein 0W verwenden) sondern auch nicht mehr so die Geräusche dämmt.
Es fließt viel schneller ab.
Stellt euch einfach vor da wäre zähes Öl im Zylinderkopf (nur als Extrembeispiel). Das würde sämtliche Geräusche "abschwächen".
Im Kopf "bewegen" sich 2 Öle in getrennten Kreisläufen. Das Kühlöl mit dem die Kühlkanäle tunlichst "voll" gefüllt sind (solange der Motor läuft) und das Schmieröl mit dem diverse klappernde Teile (Ventiltrieb) und Gleitlager (Nockenwellenlager) geschmiert werden.
Nachdem bei der LC das Kühlöl durch Wasser ersetzt wurde müsste diese scheppern wie die Angst weil Wasser bedeutend dünner ist und noch schneller abflösse. Stimmt zwar nicht ganz weil in Wasserkühlsystem nix abfliessen kann (luftlos gefülltes System), doch auch der Kühlölstrom füllt die Köpfe.
Leider hat nicht jeder Zugriff auf einen Motor mit offenem Ventiltrieb (in manchen Fahrschulen und bei den Maschinenbauern an der Uni) und kann sich den Unterschied anhören wenn man verschieden viskose Öle "an" den Ventiltrieb -speziell zwischen Kipphebel und Ventil- kippt.
gerd
Vollkommenheit entsteht offenbar nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.
Antoine de Saint=Exupéry

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Re: Lautes Klappern bei sehr heißem Öl

Beitrag von jensm002 » So 22. Apr 2018, 22:58

Hallo zusammen, vielen Dank für die vielen aufschlussreichen Antworten. Das Problem ist bisher noch nicht wieder aufgetaucht, trotzdem werde ich bei nächster Gelegenheit 20 W 50 einfüllen

Viele Grüße

Jens

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